Montag, 30. Juni 2008
Kraftlos gescheitert
Deutschland - Spanien 0:1

Am Ende des Endspiels konnte Deutschland nicht einmal mehr die in den letzten Wochen überstrapazierten deutschen Tugenden einbringen, Kampf, Siegeswille und Laufbereitschaft. Gründe für die 0:1-Niederlage im Finale der Europameisterschaft gegen Spanien gibt es viele, aber ein herausstechender Faktor ist die Fitness. Die Fitness! Ausgerechnet der zentralste aller Bestandteile der Klinsmannschen Fußball-Philosophie war Deutschlands größte Schwäche – und das im wichtigsten Spiel seit dem WM-Finale 2002. Was ist von dem mythenumrankten Zirkel aus internationalen Athletik-Gurus von 2006 übrig geblieben? Wozu hat die stetige Leistungsüberwachung der Auswahlspieler auch in deren Vereinsmannschaften geführt? Spielern wie Podolski, Schweinsteiger und Frings, die weite Teile der Saison verletzungs- oder formbedingt nicht spielten, fehlte die Frische. Auf der anderen Seite entfachten Torres, Iniesta und Fabregas, die alle mit ihren Spitzenklubs Mammutsaisons auch in den internationalen Wettbewerben zu überstehen hatten, ein Offensivspektakel ungekannter Dynamik. Es traf ein, was sich schon in der Schlussphase des Halbfinals angekündigt und was Kapitän Michael Ballack damals bereits im Interview nach Spielende erkannt hatte: Der Tank ist leer. Es wurde die These aufgestellt, in einem Finale sei die Ausdauer sekundär, die Spieler würden Angesichts der Chance, den größten Erfolg ihrer Karriere zu feiern, über mehr als die üblichen Kraftreserven verfügen. Die neunzig Minuten von Wien waren der Gegenbeweis. So waren die Schwachpunkte in der Defensive – obwohl diese offener denn je zutage traten – nicht das Hauptproblem einer deutschen Mannschaft, die im bisherigen Turnierverlauf immer für drei Tore pro Spiel gut war und alle ihre torgefährlichen Spieler – inklusive Michael Ballack – in der Startelf aufbot, aber aufgrund mangelnder Frische ihre beeindruckende Offensivkraft verlor.

Die deutsche Mannschaft war so ausgepumpt, dass sie nicht einmal mehr eine Schlussoffensive zustande brachte – und das trotz des minimalen Ein-Tor-Rückstandes und dem EM-Pokal in Griffweite als Motivationsbonus. Ein Umstand, der zu denken gibt. Und auch Jogi Löws beachtliche Leistung, eine wechselhaft spielende Mannschaft in seinem ersten Turnier als Cheftrainer in das Finale einer hochkarätigen Europameisterschaft zu führen, abdunkelt. Löw hat sein Team durch eine nahezu reibungslos verlaufende EM-Qualifikation geführt und wurde, je länger seine Erfolgsserie anhielt, auch zum eigentlichen Vater des Sommermärchens von 2006 stilisiert, dem lediglich die Motivationskünste seines ehemaligen Vorgesetzten Jürgen Klinsmann fehlten. Und tatsächlich konnte er diesen mit dem Erreichen des EM-Endspiels übertreffen. Sein mutiger und cleverer Schachzug zum Portugal-Spiel eine eingefahrene taktische Formation zu sprengen, weist ihn als klugen Taktiker aus. Dennoch gibt es diverse Fragen, denen Löw sich kritisch stellen muss, etwa, warum seine Mannschaft gleich in zwei Spielen dem Gegner (Kroatien bzw. Türkei) durch eigene Passivität und Fehlerhaftigkeit zu ungeahntem Selbstvertrauen verhalf. Dass das spielerische Niveau nur streckenweise dem Level der Qualifikationsspiele entsprach, räumte Löw im Anschluss an das Finale bereits ein und führte es auf die ungewohnte Drucksituation zurück. Dass nicht nur Psyche, sondern auch Physis trotz des erfolgreichen Abschneidens gegen Ende des Turniers überfordert waren, hat auch Ballack sinngemäß schon festgestellt. Dieses Spieler- und Trainerteam ist analytisch und ehrlich genug, um die richtigen Schlüsse aus dieser Europameisterschaft zu ziehen und positive wie negative Befunde bei ihrer Vorbereitung auf die kommende Weltmeisterschaft in Südafrika zu berücksichtigen. Eine titelwürdige Offensive hat die deutsche Mannschaft bereits, eine weltmeisterliche körperliche Verfassung, Druckresistenz und Verteidigung fehlen ihr noch.

Trotzdem hätte sich Spanien, das im Finale nach anfänglicher Nervosität brillant aufspielte, schlagen lassen, hätte man diese erste Viertelstunde der Verunsicherung besser für sich genutzt. Später, als Spanien im Rückenwind der Führung noch den ein oder anderen traumhaften Konter setzen konnte und eigentlich viel höher hätte gewinnen müssen, war keine Kraft mehr da. Nur mit einer eigenen Führung hätte man die junge spanische Mannschaft schocken können und den anfänglichen Respekt vor den Deutschen in Furcht umwandeln können. So oder so ist Spanien einer der gerechtesten Europameister der Historie, denn keine andere Mannschaft hat annähernd so konstant, schnell und technisch sauber gespielt.

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