Montag, 7. April 2008
Schrecklich effizient
Borussia Dortmund - Bayer Leverkusen 2:1

87 Minuten Grabesstille im Signal Iduna Park, allenfalls ein paar Unmutsbekundungen in Form von Pfiffen. 87 Minuten, die von beiden Seiten ohne jeden Siegeswillen oder Kampfgeist geführt wurden. 87 Minuten Nichtangriffs-Pakt, 87 Minuten der vielleicht schlechtesten Leistung der Spielzeit von Borussia Dortmund neben dem 0:2 in Nürnberg und den ersten beiden Saisonspielen. Ein müdes Geschiebe, als wären die Spieler eine halbe Stunde vor Anpfiff mit Jetlag aus Los Angeles eingeflogen worden – nach drei Tagen ohne Schlaf und mit viel Restalkohol in den Gliedern. Doch die folgenden sechs Minuten, drei davon in der Nachspielzeit, machten aus einem Friedhof eine Party-Meile, aus einem Haufen lethargischer Frühlingsmüdigkeit-Patienten eine geschlossene Truppe mit Elan und Durchsetzungskraft. Ein Spiel, wie es so gar nicht zum BVB passt – eher zum FC Bayern, der schwache Spiele schon mal gerne per vorbildlich effizientem Last-Minute-Tor für sich entscheidet. Die Partie, die eigentlich keinen Sieger verdient gehabt hätte, hat also doch einen bekommen. Doll, der seit einigen Wochen davon spricht, dass man sich für gute Leistungen endlich belohnen müsse, wird die Frage gestellt bekommen: Der Lohn für was?

Zuvor hatte Ziegler eindrucksvoll bewiesen, dass er nicht die Konstanz besitzt, die einen Spieler für das DFB-Pokalfinale aufdrängen würde, indem er das 1:0 für Leverkusen quasi selbst schoss. Bayer ging also in Führung, obwohl sie das kaum gewollt haben können, wenn man sich ihre Spielweise bis zu diesem Zeitpunkt vor Augen führt. Nicht auszudenken, welch ungemütlichen Gegenwind Thomas Doll und seine Mannschaft ausgesetzt wären, hätte es nicht die unverhoffte Aufholjagd in den letzten Minuten gegeben. Es hätte eine Heimniederlage gegen einen erschreckend schwachen Gegner zu Buche gestanden; außerdem hätte jeder Beobachter des Spiels vollkommen gerechtfertigte Vorwürfe über eine mangelhafte Einstellung der Spieler geltend machen können – jeder der 11 Borussen war unter Normalform geblieben, keiner wollte Verantwortung übernehmen. Federicos und Valdez’ „Torschüsse“ in der Anfangsphase wirkten schon wie Alibi-Versuche, die ein völlig indisponiertes Auftreten in der restlichen Spielzeit entschuldigen sollten. Als Valdez dann zu Beginn des zweiten Durchgangs freistehend vor Adler vergab, ist man noch ein Stückchen mehr beeindruckt von der Geduld, die Thomas Doll nach wie vor mit dem Paraguayer hat.

Das erste Spiel seit 2006 gegen Hannover, das der BVB nach einem 0:1 noch drehen konnte. Mit dem Ergebnis wurde auch die gesamte Wahrnehmung des Spiels gedreht. Der verführerische Endstand hüllt einen dicken, undurchsichtigen Mantel um eine eigentlich besorgniserregende Leistung. Einerseits wird einem ganz bange mit Blick auf die nächsten zwei Spiele, wo der Gegner zweimal FC Bayern heißt. Da wird mit einer solch vorhersehbaren und hausbackenen Spieleröffnung aus der Abwehr kein Blumentopf zu gewinnen sein. Eine weitere Schwäche, die gegen Leverkusen besonders auffallend war, wird gegen den Rekordmeister allerdings kaum ins Gewicht fallen: Dass Borussia Dortmund im Regelfall gegen eine defensiv eingestellte Mannschaft kaum in der Lage ist, das Spiel über einen längeren Zeitraum hinweg zu gestalten, muss kein Problem sein, da diese Rolle ohnehin eher den Münchenern zukommt. Und außerdem gibt es da ja noch diese ominösen sechs Minuten, die Hoffnung machen.

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