Sonntag, 30. März 2008
Generation Killerspiel
kontrastmittel, 01:13h
Seit Maybrit Illners Diskussionsrunde diese Woche geht die Debatte wieder von Neuem los: Wie schlimm steht es um Deutschlands Jugend? Doch eigentlich ist es schon gar keine Frage mehr, stattdessen werden abgegriffene Vorurteile zu faktenbasierten Feststellungen stilisiert. Ulrike von der Leyen und Jens Lehmann sitzen in ihren Elfenbeintürmen und fühlen sich gewappnet, ihre persönlichen Bestandsaufnahmen widerspruchsfrei aus dem keimfreien Talkshow-Sessel zu publizieren. Viele der Menschen, die die Jugend kritisieren, begehen den Anfängerfehler, aus medienwirksamen Einzelfällen allgemein zutreffende Thesen zu machen - so wird, den telegenen Schock-Stories folgend, gern mal eine ganze Generation zu gewaltbereiten Alkoholikern, die sich in Flatrate-Manier um den ohnehin mit bloßen Auge kaum erkennbaren Verstand saufen. Eine Generation, die angeblich Amy Winehouse und Bushido distanzlos zu ihren Vorbildern kürt, da sie nicht in der Lage sind, deren drogen- und gewaltverherrlichende Attitüde von ihrer eigenen Lebenswirklichkeit zu abstrahieren. Die Menschen, die dieser Ansicht folgen, unterschätzen die heutige Jugend in ihrer Einschätzungsfähigkeit gewaltig. Dieselben Leute, die ganz der aufklärerischen Tradition gemäß Ideale wie Meinungs- und Gedankenfreiheit hochhalten, prangern Bushidos angeblich frauenverachtende Texte an und unterschlagen dabei, dass für ihn obengenannte Prinzipien genauso gelten und auch der harte Rap-Text unter den dehnbaren Begriff "Kunst" fällt. Es scheint ein natürlicher Drang des Menschen zu sein, Neuentwicklungen grundsätzlich skeptisch gegenüber zu stehen - in der Gruppe kann sich diese Neigung allerdings zu einer unerträglichen Ausprägung von Ignoranz und Sturheit hochschaukeln. Vor wenigen Dekaden waren es Comics und die Beatles, heute sind es Computerspiele und Sido, die die ältere Generation in die Irrationalität treiben. Manchmal täte dieser Gruppe der Gebrauch des von ihnen selbst beworbenen Mittels, nämlich der eigenen Vernunft, durchaus gut - und das schreibe ich als 18-jähriger Schüler, dessen Zurechnungsfähigkeit durch maßvollen Computerspiel- und Bushidokonsum, so glaube ich, nicht nachweislich gelitten hat.
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