Donnerstag, 17. April 2008
Konzept, welches Konzept?
Borussia Dortmund - Hannover 96 1:3

Die vierte Heimniederlage der Saison gegen Hannover 96 sorgt für besonders hohe Aufmerksamkeit: Sie folgt auf die höchste Saisonniederlage (0:5) und geht dem wohl wichtigsten Saisonspiel am kommenden Samstag, dem DFB-Pokalfinale in Berlin, voraus. Ein Torverhältnis von 1:8 in den letzten beiden Spielen sagt viel aus über eine verunsicherte, charakterschwache Mannschaft, die in der entscheidenden Phase zu versagen droht. War der BVB in den vergangenen Wochen noch Inbegriff des gepflegten Mittelmaßes, über den es sich kaum zu berichten lohnt, ist nun bereits wieder eine lebhaft geführte Trainerdiskussion im Gange. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Thomas Doll sich hinter abgegriffenen und nichts sagenden Phrasen zu verstecken versucht - doch dazu sind seine Allerweltsfloskeln viel zu durchsichtig. Immer wenn Doll den Eindruck erwecken möchte, schonungslosen Klartext zu reden, scheint es, als umschiffe er die die eigentlichen Probleme bewusst. Er baut sich in einer Art Abwehrreflex einen kleinen Schutzwall auf, der ihn von der öffentlichen Meinung abkanzelt und eine sachgerechte Diskussion verhindert. Man könnte meinen, dass Doll zumindest intern den Finger in die Wunden legt, doch die Ergebnisse und das Auftreten seiner Mannschaft sprechen gegen diese These. Dazu kommt eine nebulöse Aufstellung und taktische Ausrichtung, die kein klares Konzept erkenntlich werden lässt. In einer Mischung aus Schonung für das Endspiel (Wörns, Frei und Valdez blieben draußen) und risikoreichen Notlösungen (Höttecke, Degen und Blaszczykowski durften spielen) schickte er eine zusammen gewürfelte Elf auf den Rasen des Signal Iduna Parks, die nicht so recht konform gehen wollte mit den Äußerungen, dass Dortmund ein schweres Bundesliga-Spiel vor der Brust habe, welches es zu gewinnen gelte. Auch die taktische Ausrichtung der Borussia lässt keinen Rückschluss auf einen ernsthaften Sinneswandel bei Team und Trainer infolge der desillusionierenden Ergebnisse der letzten Wochen zu: Völlig orientierungs- und im wahrsten Sinne des Wortes ziellos wirkte Dortmund in der Anfangsphase - als ob ein Unentschieden den Ansprüchen genügen würde, als ob es die desolaten Anfangsphasen gegen München und Bochum nie gegeben hätte. Der Wille, diese eklatante Schwäche abzustellen, war nicht erkennbar. Keine Struktur im Offensivspiel, kein sukzessive aufgebauter Angriff. Da stellt sich schon die Frage, ob das Einstudieren eines kontrollierten Spielaufbaus überhaupt regelmäßiger Bestandteil des Dortmunder Trainingsplans ist.

19 verschiedene Abwehrformationen hat Thomas Doll in dieser Spielzeit bislang aufgeboten. Diese Zahl geistert im Zusammenhang mit den letzten Spielen immer häufiger durch den Blätterwald und weist auf ein weiteres Manko hin: Keine Innenverteidigung konnte wirklich Vertrauen gewinnen - zwar bestärkten schlechte Leistungen, Sperren, Verletzungen und das an für sich verlockende Angebot von satten fünf Innenverteidigern den Chefcoach in seiner zunehmend hilflosen Wechselwut, doch allzu oft riss dieser ein Duo, das auf dem Wege war, Fuß zu fassen (etwa Kovac und Amedick), wieder vorschnell auseinander. Die Torwartposition bleibt ein weiteres Problemkind, das auch mit der Rückkehr von Roman Weidenfeller zu Beginn der nächsten Saison noch nach Zuwendung schreit - denn die ungleichmäßigen Leistungen der verletzungsgeplagten Nummer Eins sind noch in bester Erinnerung. Der zweite Mittelfeldanzug inklusive Kruska und Blaszczykowski weist ebenfalls Mängel auf, ist aber in Topbesetzung mit Tinga und einem Federico in guter Form noch der Mannschaftsteil, der zusammen mit dem Angriff am wenigsten Anlass zur Sorge bereitet.

In Hinblick auf die langzeitliche Entwicklung von Borussia Dortmund werden also in den nächsten Wochen einige grundsätzliche Fragen zu klären sein - etwa, warum dem Team selbst nach deftigen Klatschen wie gegen die Bayern der Siegeswille im darauf folgenden Spiel fehlt oder ob Thomas Doll noch der richtige Mann für den BVB ist. Zu seiner Verteidigung sei angeführt, dass weder Bert van Marwijk (mit teils erheblich stärkerem Spielermaterial) noch Kurzzeit-Coach Jürgen Röber wesentlich besser abgeschnitten haben. Und mit Blick auf das DFB-Pokalfinale lenken diese langfristig angelegten Grundsatzdiskussionen ohnehin eher ab, als dass sie von Nutzen sind. Etwaige Verbesserungen dort sind nur über die mentale Komponente zu erreichen, wo Konzentration, Laufbereitschaft, Selbstvertrauen und Siegeswille gesteigert werden müssen. Zugeständnisse sind vom FC Bayern naturgemäß nicht zu erwarten, einzig das Spiel gegen Getafe und das verräterisch hohe 5:0 geben ein wenig Anlass zur Hoffnung, da Druck und Favoritenrolle vielleicht zu schwer auf den Münchenern Spielern lasten.

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Montag, 7. April 2008
Schrecklich effizient
Borussia Dortmund - Bayer Leverkusen 2:1

87 Minuten Grabesstille im Signal Iduna Park, allenfalls ein paar Unmutsbekundungen in Form von Pfiffen. 87 Minuten, die von beiden Seiten ohne jeden Siegeswillen oder Kampfgeist geführt wurden. 87 Minuten Nichtangriffs-Pakt, 87 Minuten der vielleicht schlechtesten Leistung der Spielzeit von Borussia Dortmund neben dem 0:2 in Nürnberg und den ersten beiden Saisonspielen. Ein müdes Geschiebe, als wären die Spieler eine halbe Stunde vor Anpfiff mit Jetlag aus Los Angeles eingeflogen worden – nach drei Tagen ohne Schlaf und mit viel Restalkohol in den Gliedern. Doch die folgenden sechs Minuten, drei davon in der Nachspielzeit, machten aus einem Friedhof eine Party-Meile, aus einem Haufen lethargischer Frühlingsmüdigkeit-Patienten eine geschlossene Truppe mit Elan und Durchsetzungskraft. Ein Spiel, wie es so gar nicht zum BVB passt – eher zum FC Bayern, der schwache Spiele schon mal gerne per vorbildlich effizientem Last-Minute-Tor für sich entscheidet. Die Partie, die eigentlich keinen Sieger verdient gehabt hätte, hat also doch einen bekommen. Doll, der seit einigen Wochen davon spricht, dass man sich für gute Leistungen endlich belohnen müsse, wird die Frage gestellt bekommen: Der Lohn für was?

Zuvor hatte Ziegler eindrucksvoll bewiesen, dass er nicht die Konstanz besitzt, die einen Spieler für das DFB-Pokalfinale aufdrängen würde, indem er das 1:0 für Leverkusen quasi selbst schoss. Bayer ging also in Führung, obwohl sie das kaum gewollt haben können, wenn man sich ihre Spielweise bis zu diesem Zeitpunkt vor Augen führt. Nicht auszudenken, welch ungemütlichen Gegenwind Thomas Doll und seine Mannschaft ausgesetzt wären, hätte es nicht die unverhoffte Aufholjagd in den letzten Minuten gegeben. Es hätte eine Heimniederlage gegen einen erschreckend schwachen Gegner zu Buche gestanden; außerdem hätte jeder Beobachter des Spiels vollkommen gerechtfertigte Vorwürfe über eine mangelhafte Einstellung der Spieler geltend machen können – jeder der 11 Borussen war unter Normalform geblieben, keiner wollte Verantwortung übernehmen. Federicos und Valdez’ „Torschüsse“ in der Anfangsphase wirkten schon wie Alibi-Versuche, die ein völlig indisponiertes Auftreten in der restlichen Spielzeit entschuldigen sollten. Als Valdez dann zu Beginn des zweiten Durchgangs freistehend vor Adler vergab, ist man noch ein Stückchen mehr beeindruckt von der Geduld, die Thomas Doll nach wie vor mit dem Paraguayer hat.

Das erste Spiel seit 2006 gegen Hannover, das der BVB nach einem 0:1 noch drehen konnte. Mit dem Ergebnis wurde auch die gesamte Wahrnehmung des Spiels gedreht. Der verführerische Endstand hüllt einen dicken, undurchsichtigen Mantel um eine eigentlich besorgniserregende Leistung. Einerseits wird einem ganz bange mit Blick auf die nächsten zwei Spiele, wo der Gegner zweimal FC Bayern heißt. Da wird mit einer solch vorhersehbaren und hausbackenen Spieleröffnung aus der Abwehr kein Blumentopf zu gewinnen sein. Eine weitere Schwäche, die gegen Leverkusen besonders auffallend war, wird gegen den Rekordmeister allerdings kaum ins Gewicht fallen: Dass Borussia Dortmund im Regelfall gegen eine defensiv eingestellte Mannschaft kaum in der Lage ist, das Spiel über einen längeren Zeitraum hinweg zu gestalten, muss kein Problem sein, da diese Rolle ohnehin eher den Münchenern zukommt. Und außerdem gibt es da ja noch diese ominösen sechs Minuten, die Hoffnung machen.

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Sonntag, 30. März 2008
Generation Killerspiel
Seit Maybrit Illners Diskussionsrunde diese Woche geht die Debatte wieder von Neuem los: Wie schlimm steht es um Deutschlands Jugend? Doch eigentlich ist es schon gar keine Frage mehr, stattdessen werden abgegriffene Vorurteile zu faktenbasierten Feststellungen stilisiert. Ulrike von der Leyen und Jens Lehmann sitzen in ihren Elfenbeintürmen und fühlen sich gewappnet, ihre persönlichen Bestandsaufnahmen widerspruchsfrei aus dem keimfreien Talkshow-Sessel zu publizieren. Viele der Menschen, die die Jugend kritisieren, begehen den Anfängerfehler, aus medienwirksamen Einzelfällen allgemein zutreffende Thesen zu machen - so wird, den telegenen Schock-Stories folgend, gern mal eine ganze Generation zu gewaltbereiten Alkoholikern, die sich in Flatrate-Manier um den ohnehin mit bloßen Auge kaum erkennbaren Verstand saufen. Eine Generation, die angeblich Amy Winehouse und Bushido distanzlos zu ihren Vorbildern kürt, da sie nicht in der Lage sind, deren drogen- und gewaltverherrlichende Attitüde von ihrer eigenen Lebenswirklichkeit zu abstrahieren. Die Menschen, die dieser Ansicht folgen, unterschätzen die heutige Jugend in ihrer Einschätzungsfähigkeit gewaltig. Dieselben Leute, die ganz der aufklärerischen Tradition gemäß Ideale wie Meinungs- und Gedankenfreiheit hochhalten, prangern Bushidos angeblich frauenverachtende Texte an und unterschlagen dabei, dass für ihn obengenannte Prinzipien genauso gelten und auch der harte Rap-Text unter den dehnbaren Begriff "Kunst" fällt. Es scheint ein natürlicher Drang des Menschen zu sein, Neuentwicklungen grundsätzlich skeptisch gegenüber zu stehen - in der Gruppe kann sich diese Neigung allerdings zu einer unerträglichen Ausprägung von Ignoranz und Sturheit hochschaukeln. Vor wenigen Dekaden waren es Comics und die Beatles, heute sind es Computerspiele und Sido, die die ältere Generation in die Irrationalität treiben. Manchmal täte dieser Gruppe der Gebrauch des von ihnen selbst beworbenen Mittels, nämlich der eigenen Vernunft, durchaus gut - und das schreibe ich als 18-jähriger Schüler, dessen Zurechnungsfähigkeit durch maßvollen Computerspiel- und Bushidokonsum, so glaube ich, nicht nachweislich gelitten hat.

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